Du sollst nicht die Ehe brechen - revisited

Eine Partnerschaft kann zerbrechen, irgendwann, wenn jedes Wort, das gesprochen wird, in einem Streit aufgeht, die Langeweile das bestimmende Gefühl ist und die Liebe selbst in Erinnerung blass und bleich geworden ist. Durch einen einzelnen Akt kann eine Ehe oder eine Beziehung nur dann zersplittern, wenn die Form, in der sie verstanden wird, so starr und eng und unbeweglich ist, dass ein schräger Blick ausreicht um sie zu versehren.

Wenn man die Assoziationen vergleicht, die das Konzept “Ehe” auslösen, wenn wir es im Wortlaut des sechsten Gebotes lesen, mit den Partnerschaften, in denen Menschen heute zeitweilig glücklich leben, haben diese wenig gemein. “Die Ehe schlechthin scheint es nicht mehr zu geben; erst ein Adjektiv klärt, um welche Art von Verhältnis es sich handelt: um eine partnerschaftliche, eine kameradschaftliche, eine konventionelle, eine moderne oder ebene eine intellektuelle Ehe?”, schreibt die Germanistin Hannelore Schlaffer über die Entwicklung moderner Beziehungsformen. So gibt es heute weder ein Regelwerk dafür, wie Menschen sich in einer engen Liebesbeziehung verhalten müssen, damit sie von den Beteiligten als gelungen erkannt wird, noch gibt es bruchsichere, tradierte Konzepte dafür, was Paare tun können, um sich nicht voneinander zu entfernen.

Als Experiment sind Partnerschaften abschließbar und wiederholbar; bis zur Eheschließung heute haben Frauen/Männer/Menschen oftmals erlernen können, unter welchen Spielregeln Partnerschaften für sie erfüllend sind. Die ungeschriebenen Eheverträge unserer Zeit müssten daher vielfältig sein. Die Konstellationen der Menschen, die miteinander alt werden wollen ebenso. Es gibt heute keine guten Gründe mehr, nur das Studium über mit Künstlern zu schlafen und dann den Anwalt zu heiraten. Man ist nicht beziehungsunfähig, weil man Lust auf Sex mit mehr als einem Menschen hat. Warum sollte es nicht möglich sein für mehr als eine einzige Person zugleich (romantische) Liebe zu empfinden? Was, wenn Gefühle größer sind als die Regeln, die das Liebesleben zurecht stutzen und es moralisch drangsalieren? Die Liebe wird so herabgewürdigt zu einem Erfüllungsgehilfen gesellschaftlicher Normen; sie darf erst dann als erfüllend wahrgenommen werden, wenn sie diesen entspricht.

Sex mit anderen kann, sofern dies nicht mit der Partnerin/dem Partner besprochen wurde, weh tun. Doch der Begriff “Ehebruch” muss für moderne Beziehungen ausgeweitet werden. Er meint mehr, vor allem meint er Gravierenderes als sexuellen Betrug. Er geschieht dann, wenn die Prinzipien der Gleichheit, Freiheit und Fairneß verletzt werden. Häusliche Gewalt, ungleiche Arbeitsverteilung, krankhafte Eifersucht (um nur einige Formen der physischen, psychischen und strukturellen Gewalt zu nennen) - das sind Verbrechen, die innerhalb von Beziehungen geschehen und partnerschaftliche Versprechen verletzen. 

Um zu wohltuenden Beziehungen zurückzufinden, ist der Ausbruch aus heteronormativen Paarkonzepten notwendig. Viele Formen der (Liebes)-Beziehungen - zu zweit oder zu mehr Personen, auf Dauer oder für eine Zeit - sind ethisch, bedeutsam und gesund. Diese Vielfalt gilt es untereinander auszuhandeln, zu akzeptieren und zu schätzen. 

Das 7. Gebot soll lauten: „Nur der Bruch mit der alten Ehe kann die Liebe retten“.