In der FAZ vom 10.12.2013:

Fünfhundertsechzig Schriftsteller aus der ganzen Welt, darunter fünf Literaturnobelpreisträger, protestieren mit einem internationalen Aufruf, den die F.A.Z. zusammen mit 31 anderen Zeitungen dokumentiert, gegen die systematische Überwachung im Internet durch Geheimdienste wie die amerikanische NSA. Sie rufen dazu auf, die Demokratie in der digitalen Welt zu verteidigen.

Dazu im Vergleich in der ZEIT, Juli 2013

Demokratien sind nur nicht gefährdet, wenn Polizei und Militär Wasserwerfer auf Demonstranten richten und sie von öffentlichen Plätzen knüppeln. Sie können auch schlichtweg ermüden. Sie können langsam vor sich hin implodieren. Und so könnte man sagen, dass die politische Ermüdung deutscher Schriftsteller sich perfekt mit der politisch ermüdeten Mitte der deutschen Gesellschaft trifft. Von Distinktion keine Rede mehr. Ob er will oder nicht – der geräuschlose Schriftsteller kommt gerade mitten im Mainstream an. Aber wollten Schriftsteller da je wirklich hin?

Marc: “Und ich bin auch so müde, ständig beweisen zu müssen, dir oder mir oder allen anderen, dass ich ein Mensch bin.”

Bernhard: “Das ist alles so bodenlos. Eine bodenlose Unkenntnis, die wir darüber haben, warum wir so tot sind.”

 

(René Pollesch: Prater-Saga 5: Die Magie der Verzweiflung.)

"Wenn Sex das Einzige war, was uns definierte, dann wollte ich ficken."

Carolin Emcke: Wie wir begehren

"Die Frauen ihrerseits wissen, dass die Männergesellschaft ihre Präsenz, nicht aber ihre Freiheit braucht. Sie wissen das nur zu gut, und sie neigen dazu, sich ihre Freiheit als Recht vorzustellen, das eingeklagt werden muss. Dabei bedenken sie nicht, in welchem Maß sie selbst schon auf Freiheit verzichtet haben, um den gesellschaftlichen Nachteil, als Frau geboren zu sein, wettzumachen, um – psychologisch ausgedrückt – akzeptiert zu werden. Die Bemühungen, diesen gesellschaftlichen Nachteil wettzumachen, kostet die Frau einen Teil ihrer menschlichen Potenz, und diese Einbuße zeigen sich in der Gesellschaft.

Freiheit zu fordern als Ersatz für eine bereits aufgegebene Freiheit – das kann bei realistischer Überlegung nicht zum erhofften Ergebnis führen. Ebensowenig wie die Freiheitssuche der Frauen, die sich von ihresgleichen abwenden, weil sie sehen, daß diese unfrei sind. 

Die weibliche Freiheit entsteht nicht dadurch, daß die Frauen in die Männergesellschaft eingelassen werden oder Forderungen an diese stellen, sondern durch jenen elementaren Tauschhandel, in dem eine Frau von anderen Frauen die Anerkennung der gemeinsamen Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht erhält.”

(Wie weibliche Freiheit entsteht)

"Nicht die Härte der Unterdrückung erklärt das Fehlen weiblicher Freiheit, sondern der Mangel an Autorität, an symbolischer Zuweisung von Autorität. Diese kann eine Frau nur von einer anderen Frau bekommen, denn nur eine Frau legitimiert sie in ihrer Differenz."

(Wie weibliche Freiheit entsteht)

"Wenn die Freiheit einer Frau nicht dort verwurzelt ist, wo das soziale Leben beginnt, in den ersten Beziehungen, die sie erfährt, wer sie ist, und durch die sie in die Welt eingeführt wird, wenn sie sich nicht in Treue zu ihrem Ursprung entwickelt, wenn sie sich nicht kraft dieser Treue in der Gesellschaft absichert, dann wird sie nur aus Zufall "frei" sein, aus jenem Zufall heraus, der dafür verantwortlich ist, daß sie in diesem Jahrhundert ind auf diesem Fleck Erde lebt. Aber der Zufall wollte auch, daß sie nicht als Mann geboren wurden, und durch dieses kleine Mißgeschick wurde ihre armselige, wurzellose Freiheit zu etwas Lächerlichem."

Wie weibliche Freiheit entsteht (Orlanda 1988)

‎”We were that generation called silent, but we were silent neither, as some thought, because we shared the period’s official optimism nor, as others thought, because we feared its official repression. We were silent because the exhilaration of social action seemed to many of us just one more way of escaping the personal, of masking for a while that dread of the meaningless which was man’s fate.”

(Joan Didion: The Morning After The Sixties)

„Erst in der Freiheit des Miteinander-Redens ersteht überhaupt die Welt als das, worüber gesprochen wird, in ihrer von allen Seiten her sichtbaren Objektivität.“

(Hannah Arendt)

Souveräninnen

Annarosa Buttarelli

"Damit wir uns endgültig verabschieden von der Glaubwürdigkeit, die viele von uns den Institutionen und Apparaten der repräsentativen Demokratie immer noch zusprechen, denn es sind Institutionen und Apparate, ‘die nur für Männer geschrieben wurden’. Wir müssen eine Art und Weise finden, die ‘Demokratie’ mit ‘weiblicher Autorität’ zu verbinden; darin liegen der Geist und das Fundament der zweiten Revolution der Frauen."

"Es scheint vielmehr in der Geschichte zahlreicher Zeugnisse unserer Fähigkeit zu geben, die Wahrheit zu sagen, und zwar nicht in der Form eines heroischen Aktes oder als Überschreitung der Gesetze, sondern aus Liebe zur Realität. Es gibt politische Denkerinnen, die heute aus Liebe zum weiblichen Kampf gegen die Irrealität Bücher über Philosophie schreiben, um der Welt zu sagen: Schaut, die Demokratie hat vergessen, wie wertvoll ein Verständnis von Konflikt als etwas Unblutigem ist, und, so fügen sie hinzu, man müsste die Demokratie auf der Basis des Konfliktes neu gründen, ohne Blutvergießen und also auf der Basis der Zuneigung, der menschlichen Sensibilität.”

"Wir können heute Souveräninnen werden, weil die Zeiten dafür gut sind, und nicht, weil es unser Recht wäre.

In der Tat ist weibliche Souveränität, wenn sie ausgeübt wird, schon für sich genommen Unabhängigkeit von der Irrealität, die die im Todeskampf liegenden Institutionen geschaffen haben. Sie gewährleistet die Rückkehr zur Realität und zur Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen, ohne die Macht mit selbstmörderischem Heroismus herauszufordern. Weibliche Souveränität kann uns helfen, an einer Beziehung der Differenz mit den Männern zu arbeiten. Indem wir sie praktizieren, können wir Zeugnis dafür ablegen, dass wir durchaus in der Lage sind, das männliche Bedürfnis danach zu respektieren, Institutionen und Konstruktionen aufzubauen, in deren Rahmen es bis heute nötig gewesen ist, sich jede Sache einzuverleiben, die frei zur Welt kommt.”

(Diotima: Macht und Politik sind nicht dasselbe)

"Da man ursprünglich ja keineswegs die Gründung der Freiheit, sondern lediglich die Wiederherstellung von Rechten und Privilegien beabsichtigt hatte, so war es nur natürlich, daß die Männer der Revolution, selbst als sie sich bereits mit der Aufgabe der Gründung einer Republik konfrontiert sahen, fortfuhren, von der neuen revolutionären Freiheit zu sprechen, als bestehe sie in nichts anderem als dem Besitz der alten Rechte und Privilegien."

(Hannah Arendt: Über die Revolution)